Lange bleibt die Dunkelheit allerdings nicht. Erneut dieses Flimmern. Erneut diese Spannung. Fest ist mein Griff und mein Blick weicht nicht mehr ab. Ich schließe die Augen, obwohl es nun keinen Unterschied macht. Eine Hand streicht auf und ab, die andere wischt weiter nach rechts. Eine ganze Zeit lang spiele ich dieses Spiel und genieße es. Doch auf einmal: Schluss. Der Lärm von weiter weg ist verstummt. Nur eine Stimme nähert sich. Ich beende mein Tun. Zunächst. Kalte Luft weht unbedacht in meine Richtung. Sie ist da. Endlich. Noch bevor die Wärme zurückkehrt, schlüpfe ich unter ihre Decke. Schön warm. Und doch dieser Geruch. Egal. Ich spüre ihre Seite und versuche, um sie zu kreisen. Meine rechte Hand gleitet zielgerichtet auf und ab. Sie ziert sich noch etwas. „Wo ist ihr Verlangen?“ Ich streichle langsam Ihren Rücken hinab. Wie auf Serpentinen fahren meine Finger die Anhebungen ihrer Gestalt hinauf. Ein Ritt zwischen Schatten und Licht mit dem Ziel der wohligen Wärme. Sie krümmt sich abrupt. „Das kitzelt!“, höre ich nur und der Fallschirm öffnet sich. Mit aller Macht werde ich aus dem freien Flug gerissen. „Lass uns morgen weitermachen. Ich bin zu müde.“ Das Seil ist durchgebrannt, zertrennt. Kein Halt mehr. Wieder das Flimmern, ich schließe die Augen.

Die Nacht war hart und zu kurz. Nachdem ich mich recht missmutig aufgerafft habe, überwiegt jedoch das Hungergefühl. Als wäre das noch nicht genug, schleicht sie in der Küche nur in kurzem Höschen vor mir her und verschwindet um die Ecke. Noch nicht einmal als Erster kann man sich erleichtern. Bereitwillig decke ich den Tisch in der Küche. Die Kaffeemaschine gluckert bereits vor sich hin. „Denk daran, wir sind zu dritt!“, schallt es aus dem Bad. „Was? Verdammt und vergessen.“ Ich ergänze das restliche Besteck. Ein mehr als überdeutlich fröhliches „Guten Morgen!“ wird mir auch noch entgegen geworfen.  Zu viel für diese Uhrzeit. Alle weiteren Fragen beantworte ich ab sofort phlegmatisch, zumindest nehme ich mir das vor. Alle sind nun am Tisch versammelt. Meine Aufmerksamkeit gilt den ofenfrischen Brötchen und dem Aufschnitt vor mir. „Gut geschlafen?“, höre ich und brumme irgendwas zurück Ich sehe sie nicht an. Doch, ich tue es. Ihre Wahrnehmung von mir lasse ich jedoch nicht aus dem Sinn. Ich blicke durch sie hindurch. „Was würde Sie wohl denken? Was würde Sie tun, wenn ich es täte?“

Schwarze Spitze und weiche Haut blitzt mir entgegen. Ein sachter, aber bestimmter Biss in die Unterlippe. „Hat sie mir in die Augen gesehen?“ Bevor ich mein Gedankennetz weiterspinnen kann, beenden wir bereits das Mahl und alles verschwindet vom Tisch. Etwas bleibt beharrlich.  Im Passieren entdecke ich weiteren schwarzen Stoff an ihr. Wieder durchstreifen meine Finger die Ebenen der vergangenen Nacht. Auf und ab nach dem Weg suchend. Vergebliche Mühe, die ohne Lohn blieb. Jetzt erhalte ich die Quittung und ein Lächeln springt mir entgegen. Ich erwidere es gerne, auch wenn meine Finger einen Widerstand spüren und der Monitor sich von mir weg dreht. Der Blickwinkel stimmt nicht mehr. Erschrocken korrigiere ich diesen Umstand. Selbst wenn ich nun noch mehr links oben drücke, bleibt alles um mich herum uneben und ich rudere auf meinen Stuhl zurück. Wieder dieses Hin- und Herrutschen – diese Unruhe und diese Last. „Soll ich mich selbst befreien?“

Ich verbleibe entschieden in der Beobachterposition. Hier kann nichts passieren. Plätschernde Geräusche dringen nun an mein Ohr. Ich beobachte weiter. Mein Blick geht dabei immer wieder zur Seite.  Ich stiere nach dem, was sich hinter dieser Wand verbirgt. Ich will es sehen, es vielleicht sogar spüren. Langsam schleichen meine Augen voran. Kein Atem, kein Geräusch. Keine Störung. Könnte dieser Moment doch ewig dauern. Ich beiße mir auf die Zähne und versuche, alles um mich herum zu kontrollieren. Ich muss näher heran, mich beugen. Alles muss zu sehen sein. Noch ein Schritt. Unvermittelt dreht sie sich vor mir. Das sie umhüllende Wasser perlt ihren Rücken hinab. Wie in meiner nächtlichen Reise erkundet es ihren Körper. Sie glänzt und glitzert. Starr bleibe ich in meiner Haltung, mein Herz rast schneller und meine Hände werden so nass, wie ihre Haut. Plötzlich dreht sich das Bild und ich erkenne alles. Meine Knie zittern heftig, mein Blick wird angestrengter.

Wieder schmerzt meine Unterlippe etwas, allerdings nicht genug. Ich zerfließe in meinem Innersten und kann fast nicht mehr, als eine Stimme mich mit immenser Wucht nach hinten reißt. Meine Augen scheinen zu glühen und ich höre nur: „Alles gut? Fahren wir sie nachher nach Hause?!“ In Schock und beinahe unhöflich starre ich vor mich hin. Diese Gewohnheit fällt hier nicht auf. „Wer ist sie?“ Ich erinnere mich an das gebeugte Licht von gestern. Jener schmale Strahl, der mich von außerhalb erreicht hat. Sie hat es nicht bemerkt. Ich konnte es für mich nutzen. Meine Gedanken sind nun so schwanger, dass sie immer ausgefallenere Fantasien spinnen und mich in sie verlieren lassen. Ein gefährliches Spiel, ein halsbrecherischer Blick über die Schwelle hinaus. Bis in das Licht bin ich eingetaucht. Bis mein Blick beschlagen war und der Bildschirm endlich ausging.