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Donnerstagnacht, irgendwann zwischen 1:00 und 1:30 Uhr. Innerlich verstört und mit gebannter Miene blicke ich auf die Mattscheibe. „Wie können die das nur tun? In dem Alter! Wie können sie nur so offen darüber sprechen?“ – Fragen, die mir zähflüssig durch den müden Kopf dringen. Dabei erschien der Titel „Die süßen 60er – Liebe und Erotik der ewig Jungen“ (SWR) in der ARD Mediathek beinahe schon zu euphemistisch. Eine Beschönigung, die jedoch schön von der Realität entfernt ist, oder etwa nicht?! Ganz kann ich da meinem nächtlichem Ich nicht zustimmen, auch wenn es noch nicht allzu langer her ist, dass es die Nase gerümpft hat. Warum ist das eigentlich so? Warum wird Sex im Alter so tabuisiert, vor allem von den jüngeren (so stark) sexuell aktiven Generationen?

Runzelige Haut und alte, feuchte Leiber, die aufeinanderprallen. Kopfkino Ende. Tatsache und keine Schande. Eine genaue Grenze, ab der Sex als schmuddelig und „unangenehm“ angesehen wird, gibt es so nicht. Die von mir bestaunte Dokumentation des SWR bezog sich da auch eher auf die Altersklasse ü60 und beleuchtete charmant, die so unterschiedlichen Liebesleben und -hindernisse, der von uns als alt beschimpften. Die Skala schwankte dort zwischen liebestoller, verwitweter Nymphomanin, dem gereiften Ehemann, der aus beklemmender Ehe und Beruf ausbricht und sportlichem, einsamen Mittsechziger, der einfach nur jemandem zum Kuscheln suchte [mit der Antwort auf eine Anzeige in Form von „Suche alles ohne Ersatzteile“]. Damit könnte es sogar sein, dass diese drei Beispiele einen guten Profilschnitt durch diese Alterklasse anbieten und die Thematik der Sexualität im Alter weitesgehend entstauben.

Viel erschreckender ist doch, dass sich sowohl Männer als auch Frauen mit zunehmendem Alter von Sex und Erotik abschrecken, wenn nicht in die Abstinenz treiben lassen. Die Bedürfnisse, die Suche nach Geborgenheit und erotischen Zärtlichkeit mögen wohl noch vorhanden sein, welche allerdings verwehrt bleiben. Scham, Unsicherheit und Selbstwertprobleme, aber auch Krankheit und andere physiologische Einschränkungen sind Schranken vor einer gesunden, normalen Sexualität im Alter. Ja, normal. Genau das sollte Sex im Alter sein, besser noch: außergewöhnlich und vielleicht sogar sich neu entdeckend!? Nichts ist schlimmer, als sich selbst nicht mehr begehrens- und liebenswert zu finden. Das gilt natürlich auch für alle Nicht-Opas und Nicht-Omas.

Zum Glück ist das Ich in uns von Gestern ein steter Begleiter und der neuen Abenteuer Wegbereiter.