Liebe auf Distanz - die Nähe der Ferne | Detlev Beutler

Und die Liebe per Distanz, kurz gesagt, missfällt mir ganz. (Wilhelm Busch)

Liebe auf Distanz, Fernbeziehung oder „Living apart together“ , wie auch immer man es nennen mag, ist fast schon als eine kleine Modeerscheinung in unser heutigen Zeit zu sehen. Freiheit, Freizeit und Liebesleben gemein- oder einsam zu erleben, stellen uns immer wieder vor Herausforderungen, die es im täglichen Berufs- und Privatleben zu meistern gilt. Schnell wird da auf einmal aus Nähe Distanz und Liebe vor Ort wandelt sich zu Liebe auf Distanz. Kann man da überhaupt von „Alltag“ sprechen?

Fakten zu dieser Thematik gibt es allerhand, obwohl wirklich einheitliche Studien eher Mangelware bzw. zu wenig repräsentativ und stark polarisiert sind. Denn häufig ist es so, dass die zuständigen Behörden unter „Paar-Kriterien“ entweder „verheiratet“ oder „im gemeinsamen Haushalt lebend“ subsummieren. Dass heißt im Klartext, dass in Fernbeziehungen lebende Frauen und Männer komplett durch das Raster fallen. Nun ist es ja nicht so, dass überhaupt gar keine Zahlen und Fakten erhoben worden sind. Zum Beispiel spricht die Seite „Liebe auf Distanz“ davon, dass 13,1 % der unverheirateten Frauen zwischen 20 und 44 Jahren zwar in einer festen Partnerschaft, nicht aber in ein und dem selben Haushalt wohnen. Zum einen ist die Statistik schon recht alt (von 1999) und zum anderen wird dadurch nicht schlüssig, wie viele der Paare nun in einer Fernbeziehung leben! Das sollte man nicht unterschätzen, denn das Prinzip des „Living apart together“ boomt seit Mitte der 90er.

Woran liegt das? Die Gründe sind verschieden. Mobilitätsbedürfnisse und -ansprüche seitens des Jobs, denn nicht zu Letzt ist dieser Umstand als Standard-Anforderung an die Arbeitnehmer anzusehen, wobei aus bereits bestehender „Liebe vor Ort“ nun mal sehr schnell die „Liebe auf Distanz“ werden kann. Andererseits gibt es den Typus Mensch, der ein sehr hohes Freiheitsbedürfnis hat, seine Freiräume braucht und für den diese Art der Beziehung gerade recht ist. Selbstverständlich sollte das dann auf Gegenseitigkeit beruhen und schlussendlich ist das Allerwichtigste natürlich Vertrauen, denn ohne gegenseitiges Vertrauen wird der persönliche Beziehungsstatus schnell auf Single wechseln. Die Verlockung bei derartigen Entfernungen ist natürlich groß, sich nebenbei noch eine/n PartnerIn für die Zwischenzeit warm zu halten. Ganz ehrlich: Dann sollte die Fernbeziehung beendet werden, denn früher oder später würde der/die Betrogene Wind davon bekommen und das ist den folgenden emotionalen Stress für beide Seiten nicht wert. Ohnehin durchleben solche Partnerschaften ein Wechselbad der Gefühle, was sich in einem anfänglichen Hochgefühl des gemeinsamen Wiedersehens und anschließender Trennungstrauer am letzten Tag äußern kann. Diesen Umstand kann ich durchaus aus eigener Erfahrung bestätigen!

Von der Liebe zu dem Triebe

Wie ist es denn nun selbst um das Liebesleben in einer Fernbeziehung bestimmt? Kann Mann oder Frau überhaupt von einem zufriedenem, erfülltem Sex-Leben sprechen, wenn man sich nur jedes Wochenende oder sogar nur einmal im Monat sieht? Das eigentlich Problem, was hier zunächst im Verborgenen liegt, ist nicht die Quantität oder Qualität, sondern alleine die Erwartungshaltung in puncto Sex, mit der man dem Partner beim nächsten Treffen begegnet. Oftmals ist es so, dass man förmlich darauf brennt, endlich wieder Sex zu haben und sich dem Partner hinzugeben. Das Ende vom Lied ist dann die finale Enttäuschung, wenn es nicht dazu kommt bzw. nicht dann, wann man es selbst möchte, unabhängig von den Gründen. Es ist einfach so, dass vielfach nur das Wochenende oder ein ähnlich begrenzter Zeitraum zur Verfügung stehen. Hier ist also die nötige Zurückhaltung gefordert, es sei denn natürlich, die stürmische Liebesattacke beruht auf Gegenseitigkeit.

Ich habe bei Statista.com dazu noch eine interessante Statistik von Durex gefunden. Sie stellt die Orgasmushäufigkeit nach Beziehungsstatus bei Männern und Frauen dar.

Das Ergebnis

Single-Frauen haben viel weniger häufig einen Orgasmus als ihre ebenfalls partnerlosen männlichen Pendants. Das sind in Zahlen etwa 23 % gegenüber 78 % bei den Männern, also fast drei Mal so viel. Die Spanne bei Frauen und Männern, die zwar in einer Beziehung sind, nicht aber zusammen leben, ist zwar kleiner, aber auf einen weiblichen Orgasmus kommen diesbezüglich immer noch circa 1,8 männliche Orgasmen. Anscheinend ist es generell so, dass Frauen im Vergleich zu den Männern, nicht unbedeutend weniger Orgasmen haben und man sich die Frage stellen sollte, woran das wohl liegt?!

Zurück zur eigentlich Thematik: Anhand dieser netten Statistik lässt sich allerdings wiederum schwer darüber Auskunft geben, wie die genaue Orgasmushäufigkeit insbesondere bei Fernbeziehungen aussieht. Kriterium ist zwar „getrennt lebend“, aber es ist ein Unterschied, ob man nun in der selben Stadt oder nicht einmal im selben Bundesland lebt. Die Verallgemeinerung ist also entsprechend groß, auch wenn sie eventuell gar nicht so weit von der Realität entfernt sein mag. Kein Wunder, dass kaum verlässliche Statistiken existieren, wenn der Faktor „Haushalt“ den Ausschlag angibt und sporadische Umfragen diesbezüglich aufgrund von Datenschutzrechten nicht aufgenommen werden können.

Und was meint der Autor persönlich dazu?

Zu meiner Orgasmushäufigkeit schweige ich als Gentleman selbstverständlich :P! Viele Fakten, die hier angesprochen wurden, spiegeln sich auch bei mir wieder und ich bin damit Einer von Acht, die laut Focus in einer Fernbeziehung leben. Ich bin derzeit mit meiner Beziehung im Reinen und zufrieden, auch wenn ich meine Liebste gerne jeden Tag bei mir hätte und da geht es anderen Paaren sicher ähnlich. Wer weiß, was aber dann wäre? Vielleicht würde uns nach ein paar Tagen bereits die Decke auf den Kopf fallen. Zwischen Nähe- und Distanzbedürfnis existiert bei mir in gewisser Weise ein Abgrund, auch wenn die Worte etwas hart gewählt wirken. Da gibt es Momente in denen ich einfach nur alleine sein möchte und dann wieder welche, wo ich die Nähe meiner Partnerin so sehr brauche.

Wie groß ist denn die Entfernung zwischen euch, würden einige jetzt sicher fragen wollen! 350 km. Das sagt sich so einfach dahin, dennoch richtig fassen kann man diese recht große Zahl nicht, wenn man die Strecke selbst noch nicht bewältigt hat – und damit meine ich nicht nur die Fahrt an sich. De facto, man kann sich eben nicht so einfach jeden Tag sehen. Da greift man schon des Öfteren zum Telefon oder nutzt zum Beispiel Skype, um die Stimme der/des Liebsten zu hören. Hier schließt sich dann der Kreis und man ist wieder am Anfang angekommen, womit alles einmal begann. Vielleicht kann man nicht von einem typischen Beziehungsalltag sprechen, was aber das Ganze nicht weniger reizvoll macht, wenn man sich immer wieder von Neuem verlieben kann.