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©Susanne C. Schneider / PIXELIO

Die Situation im Norden Dortmunds spitzt sich langsam aber sicher zu. Seit Bulgarien 2007 der EU beigetreten ist gibt es viele bulgarische Frauen, die dem Beruf der Prostituierten auf dem Straßenstrich nachgehen. Besonders die Bewohner aus Stolipinovo, eines der größten und ärmsten Roma-Ghettos der Balkanländer, fühlen sich fast dazu gezwungen, da mangelnde Bildung und fehlende Sprachkenntnisse den Frauen eine normale Tätigkeit quasi verwehren. Zusätzlich ist es laut EU Gesetz nur erlaubt einer selbstständigen Arbeit nachzugehen, der Beruf des normalen Angestellten fällt hierbei also weg.
Die Sozialarbeiterin Elke Rehpöhler und die Diplompsychologin Kirsten Cordes, Mitarbeiterinnen der „Kober“ Beratungsstelle für Prostituierte, leisten Streetwork für viele der Frauen und legen die größten „Baustellen“ des Straßenstrichs in Dortmund offen:
Von den insgesamt ca. 600 Dortmunder Prostituierten sind ungefähr 50% aus Bulgarien, die meisten davon „Roma“. Das ist jedoch nicht der Knackpunkt der Geschichte, sondern die Umstände, unter denen die Bulgarinnen ihrem Beruf in Dortmund nachgehen. Die wenigsten wissen überhaupt etwas über Verhütung oder Krankheiten wie Tripper oder auch Aids. Was zählt ist das Geld, welches in die Heimat geschickt werden kann. Für Unsereiner mag das absurd klingen, aber diese Frauen wissen nicht, dass Tampons kein Verhütungsmittel sind und man die Pille öfter als einmal einnehmen muss, um sich vor ungewollter Schwangerschaft zu schützen. Oftmals wird diese Unwissenheit von den Freiern schamlos ausgenutzt, die lieber ohne Kondom den Dienst der Prostituierten in Anspruch nehmen möchten. Die Konsequenzen sind schockierend und absehbar zugleich. Der Gesundheitszustand der Frauen ist schlecht, Kober-Mitarbeiterinnen wissen von zwei bis drei Abtreibungen und mehreren Schwangerschaften. Aktuell sind wieder zwei der Prostituierten schwanger. Drei Adoptionen sind den Streetworkern ebenfalls bekannt.
Kaum eine der Frauen ist krankenversichert, dennoch „verlangt unsere Gesetzgebung, diese Frauen im Zuge der Notfallversorgung zu unterstützen.“ meint der Dortmunder Sozialdezernent Siegfried Pogadl. Nach Angaben eines Stadtsprechers wurden bisher jedoch noch keine Abtreibungen – Kosten 2000 Euro – von der Stadt bezahlt.
Auch die Wohngelegenheiten der Bulgarinnen liegen weit unter westlichem Standard. Meist müssen sich mehrere Frauen eine kleine Wohnung teilen, in der es nur eine kleine Kochgelegenheit gibt. Diese unfassbaren Zustände wurden mittlerweile erkannt und selbst die SPD-Stadtbezirksvorsitzende Marita Hetmeier ist der Meinung, dass die momentane Situation nicht länger tragbar ist. Seit Anfang 2009 wurde der „Kober“ eine 20stündige Stelle für eine Dolmetscherin bewilligt, um wenigstens die größten Verständigungsbarrieren zu brechen. Mittlerweile wurde vom Dortmunder Rechts- und Ordnungsdezernent Wilhelm Steitz eine Arbeitsgruppe einberufen und das Problem zur „Chefsache“ erklärt. Es bleibt zu hoffen, ob sich im Dortmunder Prostituierten Alltag bald grundlegend etwas ändert.