„Ich bin schwul und das ist gut so.“ (Klaus Wowereit)
Ein (politischer) Satz, der in Deutschland sicher dazu beigetragen hat,
die öffentliche Akzeptanz der Schwulen- und Lesbenbewegung zu ver-
bessern. Dabei ist die Geschichte dieser Bewegung von zahlreichen
sozial-politischen Entwicklungen geprägt, welche ihren Anfang zum
Ende der 70er Jahre nahm.
Entscheidender Schritt zur Gleichberechtigung in der BRD war die
Verabschiedung des „Lebenspartnerschaftgesetzes“ vom 1.August
2001, das die gleichgeschlechtliche Ehe als eingetragene Lebens-
partnerschaft sieht, also nicht mit der Ehe gleichsetzt, mit gewissen
Rechten und Pflichten. Zum Beispiel müssen sich die beiden Partner
zum lebenspartnerschaftlichen Unterhalt verpflichten.
Im Bereich des Steuerrechts hingegen, in dem die Lebenspartner-
schaft noch nicht vollständig einbezogen worden ist, gibt es lediglich
ein Recht darauf, Unterhaltsverpflichtungen steuerlich gegenüber
dem Partner geltend zu machen.
Soweit die Situation in Deutschland. Wie sieht es denn nun in Europa aus?
Auf dem Großteil des Kontinents haben gleichgeschlechtliche Paare die
Möglichkeit in eingetragenen Partnerschaften zu leben.
In Spanien, Norwegen, Belgien und den Niederlanden wurde sogar der
Weg zur Zivilehe geebnet. Auf der anderen Seite gibt es aber immer noch
Länder, wie Lettland, Litauen und Serbien, in denen die gleichgeschlecht-
liche Ehe verboten ist!
In Italien, Griechenland, Estland und Irland steht die gleichgeschlecht-
liche Ehe zumindest unter politischer Diskussion. Insbesondere in Italien
wurde diese durch den Song-Beitrag des Schlagerängers Giovanni Povia
„Luca era gay“ zum Schlagerfestival in San Remo am vorletzten Wochen-
ende erneut entfacht. In dem Lied geht es um einen jungen, schwulen
Mann, der nach einer Liebesnacht mit einer Frau plötzlich heterosexuell
wird. Diese wunderliche Verwandlung rief rigorose Empörung bei
führende Vertretern der Schwulenbewegung hervor, wie dem
Präsidenten der ARCIGAY, Aurelio Manusco, dem größten
italienschen Schwulenverband.

„Wir bekommen täglich Post von jungen Leuten, die in Italien aufgrund
ihrer Sexualität soweit ausgegrenzt werden, dass sie an Selbstmord
denken. Und dann kommt so ein Song daher! Bei uns werden Schwule
zusammengeschlagen, diskriminiert. Es ist doch wohl ein schlechter
Scherz, dass in diesem Song jemand erst schwul war und dann ‚geheilt“‚
wird.“
(Quelle: dradio)

Irgendwie ist es doch unbegreiflich, wie jemand so plötzlich von der
Homosexualität „geheilt“ werden kann, bloß weil er eine intime
romantische Nacht mit einer Frau verbracht hat. Das wäre ja so, als
wenn man einem Vegetarier das saftigste Steak vorwirft und erwartet,
dass allein der schöne Anblick und das zarte warme Fleisch ihn zum
Konvertieren bringt.
Ist Homosexualität angeboren oder durchlebt der Mensch einzelne
„schwule oder auch „lesbische Phasen“ beim Heranwachsen,
wie es Povia selbst in der Panorama (link) vom Juli 2005 beschreibt.
Er selbst habe eine solche Phase mit 18 durchlebt, die nach 7
Monaten aber wieder vorbei war. Ähnliches habe er bei Freunden
beobachtet, die nun verheiratet seien und Kinder haben.

Aber rechtfertigen diese Annahmen ein solches Liedwerk. Klar,
auch in Italien sollte künstlerische Freiheit herrschen und das
Ganze kann ja auf reiner Fiktion beruhen, ein Gedanken-
experiment. Makaber, wenn man überlegt, dass sich aus Umfragen
ergab, dass immer mehr ItalienerInnen glauben, Homosexualität
sei eine „heilbare Krankheit“. Herr Povia sieht das Ganze etwas
nüchterner:

„Die Leute von den Schwulenverbänden wie Arcigay sehen doch in
allem nur Terror und überhaupt: die repräsentieren doch gar nicht
alle Schwulen. Ich kann doch mit einem Song nicht das
kaputtmachen, was Arcigay an Positivem für Schwulen errungen hat.“

(Quelle: dradio)

Klingt fast so, als wenn es bei der ARCIGAY nur bestimmte
Homosexuelle gibt und jene, die sich wohl noch
in einer „Phase“ der Ungewissheit über ihre Sexualität befinden.

Ein einzelnes Lied wird an dieser Entwicklung in Italien sicher
keine Schuld haben oder die vermeintliche soziale Ausgrenzung
von Homosexuellen bestärken. Vielmehr tritt hier die tief
verwurzelte noch vorhandene Inakzeptanz auf gesellschaftlicher
und politischer Ebene gegenüber gleichgeschlechtlichen
Beziehungen in Italien zu Tage, welche einer umfassenden Bewusst-
seinsöffnung bedürfen.